aus der Reihe: Gottscheer Flüchtlingsschicksale

Es wurde viel geweint

von Maria Staudinger,
?,
Wien

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Ich glaube, wir sind am 4. Jänner 1942 von Gottschee weg, ganz sicher bin ich mir des Datums aber nicht. Wir durften einiges mitnehmen, ich glaube ein Pferd, eine Kuh und Einrichtungsgegen­stände. Im Kleinen halt. Wir haben den Wagen beladen, es war am Abend und der Vater hat noch die Zieharmonika herausgeholt, hat sich auf die Stufen der Haustür gestellt und hat zum Abschied gespielt. Das war sehr traurig, wir haben alle geweint. Dann sind wir hinausgefahren nach Mitterdorf, dort haben wir bei der Tante geschlafen und am nächsten Tag alles verladen. Als der Zug abfuhr, hab ich mich ans Fenster gestellt und mußte wei­nen; es war sehr traurig. Im Zug erst haben wir erfahren, wohin es geht, vorher wußten wir das nicht. Wir haben immer geglaubt, wir kommen ins Reich hinaus. Und im Zug erst hat man uns gesagt, wir kommen in die Untersteiermark. Wir wußten gar nicht, wo das war, Unsere Sehnsucht war eigentlich Deutschland. Wir mußten ja viele Jahre unter den Slowenen leben.

Und es war in der letzten Zeit nicht mehr schön.

Ich weiß nicht mehr, zu welcher Zeit wir in Mitterdorf abgefahren sind, jedenfalls sind wir in der Nacht in Lichtenwald angekommen. Dort haben wir, glaube ich, in einer Fabrik übernachtet. Es waren große Räume. Von dort wurden wir am nächsten Tag mit Autobussen abgeholt und auf die Dörfer gebracht. Und da hats geheißen, nur Winterquartiere. Ich hab damals immer geglaubt, weil wir ein Gasthaus gehabt haben, wir bekommen wieder einen Gasthof, denn zu Hause hat es geheißen, alles was man zurück läßt, kriegt man wieder ersetzt. In dem Dorfe, ich glaube Kerschdorf hat’s geheißen, kamen uns schon die Nachbarn entgegen. Viele haben geweint und haben geklagt: „Wir sind in so ein schlechtes Haus gekommen.“ Wir haben uns nach einem Gasthof umgeschaut, aber man brachte uns in ein so arm-seliges Haus, daß wir auch gleich geweint haben. Ich hatte noch eine Katze in der Tasche mitgenommen, die ist auch gleich davongelaufen. Der frühere Besitzer muß irgendwie gemerkt haben, daß er weg muß, jedenfalls war alles demoliert.

Unsere Tante kam dann und meinte: „Da könnt Ihr nicht bleiben, kommt zu uns schlafen und das Weitere wird sich schon noch geben.“ Einige Tage waren wir bei ihr und dann hat man uns nach Munkendorf auf einen Bauernhof gegeben. Und auch dort war vieles kaputtgemacht worden. Der Winter war hereingebro­chen, es gab viel Schnee und wir mußten heizen. Da war ein großer Kachelofen, den haben wir abends eingeheizt. In der Früh, als wir aufstanden, sind wir alle zusammengebrochen, wahr­scheinlich ist irgendwie Gas ausgeströmt. Wir haben mit Kohle geheizt, was wir halt vorfanden und wenn die Nacht länger gedauert hätte, wären wir vielleicht alle erstickt. Ganz betäubt waren wir. Dort blieben wir einige Zeit und bekamen viel Besuch, weil wir ein Gasthaus hatten, haben uns die Bekannten besucht. So kam auch einer und hat mich gefragt, ob ich nicht arbeiten gehen wolle. Ich hab gesagt: Ja, was soll ich hier auch tun. Es war eine Trafik in Rann, wo ich ein paar Tage tätig war und von da bin ich in die Haupttrafik gegeben worden, wahrscheinlich weil man mich für geeignet hielt. Dort hat es mir gut gefallen. Damals waren die Zigaretten ja noch nicht auf Karten, sondern jeder der kam, hat 5 Stück oder 10 Stück bekommen. Und was halt Bekannte waren, haben sich bei mir 2 oder 3 mal angestellt. Es war schon lustig. Darunter war auch ein gewisser Moscher, der war bei der Deutschen Ansiedlungsgesellschaft angestellt und die war in Rann in einem Kloster untergebracht. Der hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte dort zu arbeiten, die nehmen jetzt Mitarbeiterinnen auf. Ins Büro wollt ich schon immer und da bin ich fragen gegangen, und man hat mich gleich genommen. Wir haben dann Kurse mitgemacht und bin anschließend in die Taxabteilung gekommen. Wir waren 4 oder 5 Mädchen. Ein gewisser Jonke aus der Stadt, Wachtmeister war er früher, stand uns vor. Da sah ich auch die Unterlagen von unserem Besitz zu Hause in Gottschee. Was zu Hause aufgenommen worden ist, wurde nun von uns in Rann ausgerechnet. Ich habe nachgesehen, ob unser Besitz richtig erfaßt worden ist. Natürlich hat mich das interes­siert. Ich bin draufgekommen, daß bei uns ca. 10 ha gefehlt haben. Laut Besitzbogen habe ich gewußt, wieviel Grund wir hat­ten. Als wir noch zu Hause waren, hat unser Vater zu uns gesagt: „Das kriegst einmal Du, und den Wald kriegst Du, wenn Du einmal heiratest“. Wir waren doch zwei Mädel. Und deshalb wußte ich auch, wieviel ha wir hatten. Und da hat was gefehlt. Und das habe ich rneinem Vater gesagt und der hat dann, glaube ich, bis Marburg fahren müssen, damit das richtiggestellt worden ist. Und ich habe auch mit meinem Chef gesprochen und gesagt, da ist irgendwo ein Irrtum und das ist dann richtiggestellt worden.

Man hat auch noch zu jener Zeit Slowenen dort ausgesiedelt und weil wir auch slowenisch sprechen und schreiben konnten, hat man uns geholt. Oben in Reichenburg am Bahnhof war so ein Lager oder wie man es bezeichnen soll, jedenfalls war ein Stacheldraht rundherum und da waren Frauen und Kinder untergebracht und die sollten angeben, was sie zurückgelassen haben. Das waren Slowenen, die sie von dort, wo sie unsere Leute ange­siedelt haben, weggesiedelt haben. Die waren in einem Lager zusammengefaßt. Und die haben sie dann weitergeschickt nach Deutschland, hat es geheißen. Viele haben den Namen angege­ben, andere haben gesagt, wir kriegen sowieso nichts, es ist sinn-los und haben geweint. Es war alles sehr traurig. Mich hat das sehr gerührt, weil wir ja auch nicht gern weg sind von zu Hause. Aber es gab für uns gar keine Wahl, wie sie gesagt haben, ent­weder Ihr geht oder ihr bleibt unter den Italienern.

War das eine große Enttäuschung, daß die Italiener kamen?

Ja, eine sehr große. Wir haben auf die Deutschen gewartet. Und es hat auch geheißen, sie seien in der Stadt, sie waren auch am Tag vorher in der Stadt. Die ganze Nacht haben wir Fahnen genäht und in der Früh haben wir uns angezogen, wir hatten ja so blaue Röckerl und weiße Bluserl und so und sind auf und ab gegangen. Ja wir waren sehr enttäuscht, als die Italiener kamen. Vor unserem Gasthaus sind sie stehen geblieben, unser Haus war ja knapp an der Straße, und haben finster drein geschaut.

Bitte, nochmals zurück zum Lager. Sie haben also die Slowenen befragt bezüglich ihrer Wünsche?

Nein, wir sollten aufnehmen, was sie zurückgelassen haben. Sie hätten sollen angeben, welche Einrichtungsgegenstände, Geräte und Maschinen, wieviel Getreide usw. sie zurückgelassen haben. Es hat geheißen, sie kriegen alles wieder ersetzt. Die meisten wollten gar nichts angeben. Wir – die Ansiedlungsgesellschaft – ist dann in das Schloß Reichenburg umgezogen und in dem Kloster ist, glaube ich, eine Schule untergebracht worden. Dort waren wir bis zum Schluß. In der Nacht sind dann des öfteren die Partisanen gekommen, haben Vieh weggeholt, denn zum Schloß gehörte auch ein Gut. Viele Familien haben außerhalb des Schlosses in Holzblockhäusern gewohnt, auch ich war in einem solchen untergebracht. Da waren wir nicht mehr sicher und man hat uns deshalb in das Schloß geholt, das Tor geschlossen und bewacht. Ich bin dann von dort von meinem Schwiegervater nach Wien geholt worden, als unser Kind angekommen war.

Ich hab auf Schloß Reichenburg geheiratet. Mein Mann war ein Wiener, er ist in Rußland bei Stalingrad verwundet worden, wurde zurückgestellt und hat dann in Reichenburg den Volks­sturm ausgebildet. Zuerst war er bei der deutschen Ansiedlungs­gesellschaft, dort hab ich ihn auch kennengelernt, bei der Ver­messungsabteilung. Er war Vermessungstechniker und war bei der Vermessung, er hat die Landkarten gezeichnet. Man hat ihn dann wieder eingezogen, diesen Dienst hat er ja noch machen können. Jedenfalls das Leben war für uns nicht mehr sicher und der Schwiegervater hat mich mit dem Kind nach Wien geholt.

Als ich vielleicht 5 – 6 Monate in Wien war, kamen immer häufi­ger die Flieger, man ist zum Kochen überhaupt nicht mehr gekommen, man mußte jeden Tag in den Keller. Und zu der Zeit kam meine Mutter in die Obersteiermark. Die hat noch zwei klei­nere Kinder zu Hause gehabt und mein Vater hatte einen Bruder in Donawitz bei Leoben. Dorthin ist meine Mutter. Aber auch die­ser Ort war durch die Flieger stark gefährdet. Deshalb hat sich mein Onkel bemüht, meine Mutter mit den Kindern in Kirchlandl bei Hieflau unterzubringen, was ihm auch gelang. Auch ich konnte dorthin umevakuiert werden. Das war zur damaligen Zeit gar nicht so einfach. Man mußte die Genehmigung haben, von Wien wegzuziehen und in Kirchlandl zuziehen zu dürfen. Zu der Zeit ist mein Bruder an der ungarischen Grenze gefallen. Mit 18 eingerückt und mit 19 war er tot. Das war ein ungeheurer Schock für meine Eltern.

Die Reise in die Obersteiermark ist mir noch in lebhafter Erinne­rung. Wir sind kaum außer Wien gekommen, da war schon Fliegeralarm. Ich mit dem Kind im mit Bretter verschlagenem Zug. Um 2 Uhr in der Nacht sind wir angekommen. In Wien hat die Sonne geschienen und in Kirchland war tiefer Winter. Ich mit dem Kinderwagerl, sonst hab ich nicht viel mitgehabt, in Halb­schuhen. Der Beamte hat mich mit meinem 10 Monate alten Kind ins Stellwerk mitgenommen. Dort hab ich übernachtet, dann mußte ich über ein Berglein mit dem Kinderwagen, es lag etwa 40 cm Schnee. Als wir bei der Mutter ankamen, waren wir ganz durchfroren, das Kind und ich.

Der Krieg ging dann bald zu Ende. Es sind viele Flüchtlinge und Soldaten dort durchgekommen. Auch mein Vater kam, er war 18 Tage unterwegs von unten herauf. Sie mußten ja flüchten. Ich hab diesen Elendsmarsch nicht mitmachen müssen. Mein Vater aber mußte unten bleiben und auch meine Schwester, die Elfi, die jetzt vor wenigen Monaten gestorben ist. Unten sind sie noch mit einem Pferdewagen losgefahren und nahmen mit, was sie halt konnten. Bald wurden sie von den Partisanen überfallen und da hat man ihnen alles weggenommen. Mein Vater ist dann mit einem Rucksack zu Fuß weiter, sein Bruder war noch mit ihm. Ich hab ja meine Sachen auch unten gehabt, ich bin nur mit dem Kind schnell weg. Ich weiß noch, wie mein Vater den Rucksack ausgepackt hat, einen Anzug für meinen Mann hat er drinnen gehabt. Den hat er dann getragen. Unsere Angehörigen sind nicht zusammen, also gleichzeitig gekommen. Zuerst ist mein Vater mit seinem Bruder und dessen Sohn gekommen. Das ist der Josef Kren, der jetzt am Pyramidenkogel ein Haus hat. Der war damals ein Bub von 16/17 Jahren. Er mußte zum Arbeitsdienst und zum Schluß haben sie, glaube ich, alle mitkämpfen müssen. Meine Schwester ist erst später eingetroffen.

Mein Vater hat dann schauen müssen, daß er irgendwo eine Arbeit bekommt, denn wer nicht gearbeitet hat, bekam auch keine Lebensmittelkarten. In der Papierfabrik hat mein Vater Arbeit gefunden und 2 Räume in der Holzbaracke haben sie als Wohnung bekommen. Ich bin noch ungefähr ein Jahr oben ge­blieben, damals gab es ja die Demarkationslinien, da hat man nicht einfach in Österreich umziehen können. Ich habe sozusagen ein Jahr für den Paß gebraucht. Zuerst bin ich in Liezen abgewiesen worden, weil es nicht unbedingt wichtig sei. Nach einem Jahr gelang es mir, wieder nach Wien zu ziehen und in Wien lebe ich heute noch. Ich hab die bittere Zeit überwunden und mich als Österreicherin zurecht gefunden.

Meine Tochter ist in Wien verheiratet. Sie ist diplomierte Kran­kenschwester, übt aber ihren Beruf nicht aus. Ihr Mann ist beim Fernsehen. Als sie das Kind bekam, die Enkelin ist jetzt schon 12 1/2 Jahre alt, hat sie ihren Beruf aufgegeben. Jetzt hilft sie mir zeitweise im Geschäft aus. Wir haben eine chemische Kleider­reinigung, die recht gut geht. Arbeiten muß man wohl sehr viel, von 6 bis 6 am Abend, jeden Tag 12 Stunden. Wenn man selb­ständig ist, muß man mehr arbeiten, als wenn man angestellt ist.

Können Sie noch Angaben über die Arbeit der Umsiedlungs- und Ansiedlungskommission machen?

Mit der Umsiedlungskommission war es so: Zu Hause hieß es, ein Schätzmeister wird kommen. Und ich kann mich gut erinnern, daß dieser alle Räume durchgegangen ist, jedes Zimmer in Augenschein nahm und wir mußten vorher die Zimmer abmes­sen und die Maße aufschreiben. Ob er die Maße mitgenommen hat, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall hat er eingestuft, in wel­chem Bauzustand sich das Haus und die Wirtschaftsgebäude befanden. Dann ist das Haus geschätzt worden. Und für den Grund und Boden hat man ja sowieso den Grundbesitzbogen gehabt. Jetzt weiß ich nicht, hat ihn der mitgenommen, oder hat man ihn im Durchschleusungszug abgegeben. Wir mußten ja durch so einen Zug, da ist man untersucht worden. Jede Familie hat dann eine Nummer bekommen, die man auf jedes Gepäck-stück schreiben mußte. Nach diesen Nummern ist auch verladen worden. Und wenn wir die Sachen nach der Umsiedlung abge­holt haben, ging alles nach dieser Nummer.

Wie ging die Durchschleusung vor sich?

In der Stadt Gottschee stand der Zug. Es waren mehrere Waggons und da hats geheißen, wir werden durchschleust. Wir sind in so einen Waggon hineingegangen und sind ärztlich untersucht wor­den. Auf der einen Seite ging der Vater mit den Söhnen hinein und aufder anderen Seite ging die Mutter mit den Töchtern hinein. Da mußten wir uns ausziehen, zu der Zeit waren wir noch sehr gschamig. Das ist mir so in Erinnerung geblieben, weil das zur damaligen Zeit doch ganz ungewöhnlich war. Fotografiert wurden wir auch. Wir bekamen schließlich so eine Art Ausweis, worin angegeben war die Größe, Augenfarbe und alles mögliche, besonder Kennzeichen. Ich hab keine gehabt.

Ist Ihnen bekannt, daß sie irgendwie eingestuft wurden? Nach besonderen Rassemerkmalen oder nach besonderer Qualität des Menschen?

Nein, das kann ich nicht sagen. Jedenfalls mußte man gesund sein.

Quellenangaben:

1330 – 1941  Gottschee
Die ehemalige deutsche Sprachinsel
Heft 4 und 5

Bearbeitet von:
Wilhelm Lampeter und Ludwig Kren
Herausgeber:
Gottscheer Landsmannschaft in Deutschland

Weilheim 1994